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Prävention und Gesundheitsförderung im Alter

Das Altern ist ein kontinuierlicher Prozess. Mit zunehmendem Alter nimmt die körperliche Leis­tungs- und Anpassungsfähigkeit ab. Störungen der funktionalen Gesundheit im Alter entstehen meist durch sensorische Beeinträchtigungen (vor allem des Sehens und Hörens) und Ein­schränkungen der Mobilität. Etwa 30 Prozent der 50- bis 59-Jährigen und 80 Prozent der über 80-Jährigen sind von funktionellen Einschränkungen ihrer Gesundheit betroffen (Flor, 2015). Die körperlichen und geistigen Fähigkeiten sind entscheidend für eine selbstständige Lebensfüh­rung im Alter. Fehlende Selbstständigkeit im Alter kann auch die soziale Integration und Teilhabe erschweren.

Eine gesunde Lebensführung unterstützt den längeren Erhalt der körperlichen und seelisch-geistigen Gesundheit. Trotz oder gerade wegen der bestehenden Einschränkungen und dem drohenden Verlust von körperlicher und geistiger Fitness und Eigenständigkeit hat die Gesund­heit im Alter einen hohen Stellenwert (Hurrelmann et al., 2004). Auch wenn es bei primärpräven­tiven Maßnahmen heißt, je früher desto besser, ist es zu keinem Zeitpunkt zu spät. Studien zei­gen beispielsweise, dass auch eine Veränderung im Lebensalter ab 65 hin zu mehr körperlicher Aktivität einen positiven Effekt auf die Lebensqualität und die körperliche Leistungs­fähigkeit hat (Hamer et al., 2014). Körperliche Aktivität stärkt die Muskulatur und fördert den Gleichgewichts­sinn. Sie ist damit ein wichtiger präventiver Faktor zum Schutz vor Stürzen und deren Folgen (Sherrington et al., 2016). Auch gezielte Sturztrainings sind effektiv (siehe Kapitel Stürze bei Älteren). Ein hohes Ausmaß an kognitiver Aktivität führt zu höherer kognitiver Leistungsfä­higkeit − dies gilt auch im Alter. Kognitive Fähigkeiten sollten daher wie physische trainiert wer­den (Hultsch et al., 1999).

Nicht zuletzt haben Prävention und Gesundheitsförderung ein hohes Potenzial zur Vermeidung von Pflegebedürftigkeit. Es gibt Hinweise darauf, dass Menschen mit einem geringen Maß an Gesundheitsrisiken im Durchschnitt um sieben bis zwölf Jahre später pflegebedürftig werden als Personen mit mehreren Gesundheitsrisiken (Menning und Hoffmann, 2009). Zudem gehen viele der bereits aufgeführten Erkrankungen mit einem hohen Ausmaß an Hilfs- und Pflegebedürftigkeit einher, beispielsweise bei Schlaganfällen zu circa 51 Prozent und bei Fraktur der Hüfte zu circa 55 Prozent (Menning und Hoff­mann, 2009), die eine häufige Folge von Stürzen bei alten Men­schen ist.

Aufgrund seiner Altersstruktur wird Sachsen von den gesundheitlichen, sozialen und ökonomi­schen Folgen des demografischen Wandels früher erfasst werden als andere Bundesländer (Freistaat Sachsen 2016). Es gibt sowohl empirische Belege dafür, dass eine steigende Le­benserwartung mit einer längeren Lebenszeit in Krankheit und damit einem höheren Anteil chronisch Kranker in der Gesellschaft verbunden ist (Medikalisierungsthese) als auch dafür, dass Krankheiten mit der längeren Lebensdauer in das spätere Alter verschoben werden und die Menschen so eine längere Zeit ohne gesundheitliche Einschränkungen leben (Kompressi­onsthese).166 Die Empirischen Belege zeigen auch, dass die Medikalisierungsthese eher für Menschen mit geringem sozialem Status gültig ist und die Kompressionsthese eher auf Men­schen mit hohem sozialem Status zutrifft. Der Zusammenhang zwischen gesundheitlicher Lage und sozialem Status in der älteren Bevölkerung zeigt sich sowohl in der Häufigkeit von Risiko­faktoren und Krankheiten als auch in der Lebenserwartung und subjektiven Lebensqualität (Flor, 2015). Zusätzlich besteht die These, dass sich die soziale Ungleichheit im Alter verstärkt (Kumulationshypothese) (Hurrelmann et al., 2004), die jedoch im Bereich der Prävention und Gesundheitsförderung bisher noch wenig Beachtung findet. Im Kapitel Soziale Lage und Gesundheit wird gezeigt, dass Menschen mit niedrigem sozialem Status im Durchschnitt früher sterben als Menschen mit höherem sozialem Status.

Aus diesen Ergebnissen ergibt sich erneut ein besonderer Präventionsbedarf für Menschen mit geringem sozialem Status. Gleichzeitig bestehen bei sozial benachteilten älteren Menschen, wie auch den anderen Altersgruppen in dieser Gruppe, große Schwierigkeiten bei der Erreich­barkeit, da kaum allgemeingültige, funktionierende Zugangswege bekannt sind (Flor, 2015). In­stitutionelle Zugangswege für ältere Menschen sind derzeit hauptsächlich stationäre Pflegeein­richtungen. Für ältere Menschen, die noch zu Hause leben, können präventive Hausbesuche167 und eine gute nachbarschaftliche Einbettung ein geeignetes Setting sein. Diese dienen zur Früherkennung von Risikofaktoren und Erkrankungen, zur Einleitung von frühzeitigen Interven­tionen (zum Beispiel bezüglich Wohngegebenheiten, Ausstattung mit Hilfsmitteln und Lebensstil) sowie zur Beratung in Gesundheitsthemen (zum Beispiel zur Ernährung im Alter). Sie haben letztendlich zum Ziel, die funktionale Gesundheit und das Wohlbefinden von alten Menschen zu verbessern und die Häufigkeit von Aufnahmen in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen zu reduzieren.

In Sachsen wurde im Jahr 2009 ein Geriatriekonzept verabschiedet, in dem Gesundheitsförde­rung und Prävention als wesentliche Elemente genannt werden.168 Beispiele auf Projektebene sind die Angebote des SLfG e. V. »gemeinsam gesund«169 und »gemeinsam gedacht«170, in de­ren Rahmen Senioren beispielsweise in Seniorenbegegnungsstätten, Einrichtungen des Betreu­ten Wohnens oder Tagespflegestationen gemeinsam mit Kindern (vorwiegend im Vorschulalter) spielen und auf diese Weise auf beiden Seiten und generationenübergreifend persönliche (zum Beispiel kognitive) und soziale Fertigkeiten gefördert werden. Parallel dazu sollen in Sachsen die Alltagsbegleiter (sie kümmern sich um nicht pflegebedürftige Menschen) und die Nachbar­schaftshelfer (sie betreuen pflegebedürftige Menschen) die professionelle Pflege und Betreuung subsidiär stärken.

 

Fußnoten

166 http://aok-bv.de/lexikon/k/index_06430.html und http://aok-bv.de/lexikon/m/index_06431.html (Abruf am 17.04.2018).

167 Die Evidenz zur Effektivität dieser Maßnahme ist jedoch nicht eindeutig und es fehlen bislang Studien, die die Wirksamkeit präventiver Hausbesuche im deutschen Versorgungsystem untersuchen (Mayo-Wilson et al., 2014; Meinck et al., 2004).

168 https://publikationen.sachsen.de/bdb/artikel/11680 (Abruf am 17.04.2018).

169 https://www.slfg.de/projekt/gemeinsam-gesund-das-generationenspiel/ (Abruf am 17.04.2018).

170 https://www.slfg.de/projekt/gemeinsam-gedacht-generationenuebergreifendes-gedaechtnistraining/ (Abruf am 17.04.2018).

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